CASE STUDY
Ablers Entsendung
Übung
Mara II – Gut gemeint, gut geführt
Mara II ist kein Text zum Auswendiglernen. Achtet auf die Gesprächslogik dahinter: Was macht Herr Keller anders – und was bewirkt das?
Ausgangssituation
Mara ist 24 Jahre alt und seit acht Wochen in einer geförderten Wiedereingliederung im Unternehmen. Nach längerer Arbeitslosigkeit bekommt sie hier die Chance, wieder im Berufsleben Fuß zu fassen. Sie arbeitet im kaufmännischen Bereich und unterstützt das Team bei einfachen Auswertungen, Ablage, Terminpflege und vorbereitenden Aufgaben.
An manchen Tagen läuft es gut. Mara arbeitet sorgfältig, fragt nach und wirkt erleichtert, wieder eine Perspektive zu haben. In den letzten zwei Wochen kam sie jedoch mehrfach zu spät, meldete sich einmal erst nach Arbeitsbeginn und gab zwei Aufgaben unvollständig ab. Herr Keller, ihre Führungskraft, bittet sie zu einem Gespräch.
Gespräch
Herr Keller: Mara, ich möchte heute verstehen, was gerade los ist. Und ich möchte, dass wir am Ende eine konkrete Vereinbarung haben, wie die nächsten Tage verlässlicher laufen. Pünktlichkeit und vollständige Aufgaben bleiben wichtig – aber wir schauen gemeinsam, wie du das realistischer hinbekommst.
Mara: Ja. Okay.
Herr Keller: Ich beschreibe erst einmal nur, was ich beobachtet habe: Du warst diese Woche zweimal nach Arbeitsbeginn da, letzte Woche auch schon. Gestern war außerdem die Liste für die Kundentermine unvollständig. Mir geht es nicht darum, dich abzustempeln. Ich möchte verstehen, was passiert ist.
Mara: Ja. Ich weiß, dass das nicht gut ist.
Herr Keller: Was ist aus deiner Sicht im Moment der schwierigste Punkt?
Mara: Morgens. Ich nehme mir wirklich vor, pünktlich zu sein, aber dann läuft alles durcheinander.
Herr Keller: Was ist morgens der Moment, an dem es kippt?
Mara: Meist direkt nach dem Wecker. Ich schlafe schlecht, bin total fertig und komme nicht richtig in Gang. Manchmal fühlt es sich an wie eine Wand. Ich weiß, das klingt blöd.
Beobachtung: Mara schaut kurz auf ihre Hände und wirkt angespannt.
Herr Keller: Es klingt nicht blöd. Es klingt, als wäre nicht nur Müdigkeit das Problem, sondern auch Druck. Du willst pünktlich sein, und genau dieser Druck macht den Start manchmal noch schwerer.
Mara: Ja. Genau. Je mehr ich Angst habe, dass es morgens wieder nicht klappt, desto mehr blockiere ich.
Herr Keller: Das ist ein wichtiger Punkt. Du musst mir keine privaten Details erzählen, wenn du das nicht möchtest. Für unser Gespräch reicht erst einmal: Was beeinflusst deinen Arbeitsstart, und was brauchst du, um hier verlässlicher anzukommen?
Mara: Das ist gut. Ich will das eigentlich nicht alles privat aufmachen.
Herr Keller: Müssen wir auch nicht. Wir bleiben bei dem, was für deine Arbeit wichtig ist.
Mara: Okay.
Herr Keller: Du hast gerade gesagt, du nimmst dir wirklich vor, pünktlich zu sein. Was ist dir an dieser Stelle hier wichtig?
Mara: Ich will das hier wirklich nicht wieder verlieren. Ich war froh, dass ich überhaupt anfangen durfte. Ich will nicht wieder rausfallen.
Herr Keller: Das höre ich. Diese Wiedereingliederung ist dir wichtig. Und gleichzeitig hast du Angst, wieder zu scheitern.
Mara: Ja.
Herr Keller: Ich fasse kurz zusammen, ob ich dich richtig verstehe: Du willst hier ankommen und die Stelle nicht verlieren. Morgens ist der kritische Moment. Wenn du schlecht schläfst und der Druck hoch ist, blockierst du eher. Und wenn du dann merkst, dass es eng wird, wird es dir unangenehm und du meldest dich manchmal zu spät. Stimmt das so?
Mara: Ja. Das trifft es ziemlich gut.
Herr Keller: Gut. Dann lass uns nicht noch tiefer ins Problem gehen, sondern schauen, woran du anknüpfen kannst. Angenommen, morgen läuft der Start ein kleines Stück besser: Woran würdest du das zuerst merken?
Mara: Dass ich nicht im Bett liege und direkt Panik bekomme. Dass ich weiß, was ich als Erstes tun muss.
Herr Keller: Also weniger Chaos im Kopf und ein klarer erster Schritt.
Mara: Ja. Und dass meine Sachen schon fertig sind. Dann muss ich morgens nicht suchen.
Herr Keller: Das klingt nach einem klareren Morgen. Gab es in den letzten zwei Wochen einen Tag, der diesem Bild schon ein kleines Stück nahekam?
Mara: Letzten Dienstag. Da war ich sogar zehn Minuten früher da.
Herr Keller: Was war an diesem Dienstag anders?
Mara: Ich hatte am Abend vorher meine Tasche gepackt, meine Kleidung rausgelegt und einer Freundin geschrieben, dass sie mich morgens kurz anruft. Dann war der Morgen ruhiger.
Herr Keller: Du hast also drei Dinge aktiv vorbereitet: Tasche, Kleidung und eine kleine Verbindlichkeit über deine Freundin. Das klingt nicht nach Zufall.
Beobachtung: Mara richtet sich etwas auf.
Mara: Stimmt. Das war nicht einfach Glück. Ich habe vorher etwas anders gemacht.
Herr Keller: Genau. Und du hast den Morgen nicht erst morgens gelöst, sondern schon am Abend vorher leichter gemacht.
Mara: Ja. Morgens bin ich oft schon zu spät dran. Abends habe ich mehr Chancen, etwas vorzubereiten.
Herr Keller: Was von diesem Dienstag wäre diese Woche realistisch wiederholbar?
Mara: Tasche packen und Kleidung rauslegen auf jeden Fall. Aber nicht erst spät abends, sondern direkt, wenn ich nach Hause komme.
Herr Keller: Warum direkt nach dem Heimkommen?
Mara: Wenn ich mich erst hinsetze, wird es schwerer. Dann bin ich raus.
Herr Keller: Also ist der Übergang nach Hause der entscheidende Moment.
Mara: Ja. Tasche packen, bevor ich mich aufs Sofa setze.
Herr Keller: Was hat der Anruf deiner Freundin bewirkt?
Mara: Verbindlichkeit. Wenn jemand weiß, dass ich es versuche, bleibe ich eher dran.
Herr Keller: Dann geht es nicht darum, dass sie dich jeden Morgen anruft, sondern darum, dass du dir Verbindlichkeit schaffst. Wie könntest du das ohne täglichen Anruf lösen?
Mara: Ich schreibe ihr heute, dass ich diese Woche abends direkt packen will. Dann weiß es jemand, aber sie muss mich nicht jeden Morgen retten.
Herr Keller: Wäre das für dich stimmig?
Mara: Ja. Das fühlt sich okay an.
Beobachtung: Mara spricht etwas ruhiger und konkreter.
Mara: Ich habe trotzdem Angst, dass alle denken: War ja klar, die schafft es wieder nicht.
Herr Keller: Das klingt nach viel Druck. Und wenn dieser Gedanke morgens mitläuft, macht er den Start wahrscheinlich nicht leichter.
Mara: Ja. Dann denke ich: Jetzt ist es eh schon egal.
Herr Keller: Was würde dir in genau diesem Moment helfen, trotzdem den ersten kleinen Schritt zu gehen?
Mara: Nicht an alle denken. Nur an den ersten Schritt. Aufstehen, Tasche nehmen, los.
Herr Keller: Also den Morgen kleiner machen. Nicht: „Ich muss allen beweisen, dass ich es schaffe“, sondern: „Ich mache jetzt den ersten Schritt.“
Mara: Ja. Das klingt machbarer.
Herr Keller: Was könnte dich daran erinnern?
Mara: Vielleicht ein Zettel an der Tür. Nicht mit „Pünktlich sein!“, sondern eher „Nur der nächste Schritt“.
Herr Keller: Das passt besser zu dir, oder?
Mara: Ja. Das würde mich weniger stressen.
Herr Keller: Dann lass uns noch kurz auf die Kundenterminliste von gestern schauen. Nicht als zweites großes Fass, sondern damit wir die Erwartung klären. Was war deine Annahme bei der Aufgabe?
Mara: Ich dachte, ich soll erst selbst schauen. Ich wollte nicht direkt wegen jeder Kleinigkeit fragen.
Herr Keller: Das ist grundsätzlich ein guter Gedanke. Eigenständig arbeiten heißt nicht, alles allein lösen. Es heißt auch, rechtzeitig die richtige Frage zu stellen.
Mara: Ich weiß manchmal nicht, wann ich fragen soll.
Herr Keller: Dann lass uns dafür eine einfache Regel bauen. Was wäre aus deiner Sicht sinnvoll?
Mara: Vielleicht: Ich prüfe erst selbst. Aber wenn mir nach einer bestimmten Zeit immer noch eine Info fehlt, frage ich.
Herr Keller: Welche Zeit wäre realistisch?
Mara: Zehn Minuten. Wenn ich nach zehn Minuten nicht weiterkomme, frage ich gezielt nach.
Herr Keller: Und wie fragst du dann konkret?
Mara: Nicht einfach: „Ich weiß nicht weiter“, sondern: „Mir fehlen die Bestätigungen für diese drei Termine. Wo finde ich die Info?“
Herr Keller: Genau. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern sauberes Arbeiten.
Mara: Das hilft. Ich dachte manchmal, Nachfragen wirkt so, als könnte ich es nicht.
Herr Keller: Verstehe. Für mich ist die Regel gut: Erst selbst prüfen. Wenn nach zehn Minuten eine wichtige Info fehlt, gezielt fragen.
Mara: Ja.
Herr Keller: Wie machbar fühlt sich dein Plan für morgen an – eher wacklig, mittel oder ziemlich machbar?
Mara: Mittel. Aber eher auf der besseren Seite. Vielleicht eine 6 von 10.
Herr Keller: Was macht es schon zu einer 6?
Mara: Weil ich weiß, dass es einmal funktioniert hat. Der Dienstag war kein Zufall. Ich habe da vorher etwas anders gemacht.
Herr Keller: Genau. Was bräuchte es, damit daraus eine 7 wird?
Mara: Dass ich heute nicht erst lange überlege. Direkt nach Hause, Tasche packen, Kleidung rauslegen. Dann erst hinsetzen.
Herr Keller: Gut. Dann formuliere du bitte einmal deinen Plan für die nächsten fünf Arbeitstage.
Mara: Also: Erstens packe ich direkt nach dem Heimkommen meine Tasche und lege die Kleidung raus, bevor ich mich hinsetze. Zweitens: Wenn ich morgens merke, dass es kippt, melde ich mich spätestens bis 8:15 Uhr bei dir. Drittens: Bei Aufgaben prüfe ich erst zehn Minuten selbst. Wenn mir dann noch eine Info fehlt, frage ich gezielt nach.
Herr Keller: Das ist konkret. Die Anforderungen bleiben: pünktlich starten, rechtzeitig melden, Aufgaben vollständig abgeben. Aber dein Plan zeigt, wie du genau dort ansetzen willst.
Mara: Ja. Das fühlt sich greifbarer an. Ich weiß nicht, ob es morgen klappt. Aber ich kann das heute Abend probieren.
Herr Keller: Das reicht für den ersten Schritt. Ich habe noch eine kleine Idee, nur als Ergänzung. Möchtest du sie hören?
Mara: Ja.
Herr Keller: Du hast gerade gesagt: „Nur der nächste Schritt.“ Vielleicht schreibst du genau das auf den Zettel an der Tür. Nicht als Druck, sondern als Erinnerung an deinen ersten Schritt.
Mara: Ja. Das passt.
Herr Keller: Gut. Was brauchst du von mir, damit der Plan für die nächsten fünf Arbeitstage realistisch bleibt?
Mara: Vielleicht am Freitag ein kurzes Gespräch. Nicht jeden Morgen groß auswerten. Nur am Freitag schauen, was geklappt hat und was nicht.
Herr Keller: Einverstanden. Freitag 15 Minuten. Und wenn du dich morgens bis 8:15 Uhr meldest, reicht eine kurze Nachricht. Kein langer Bericht.
Mara: Das ist gut.
Herr Keller: Was nimmst du aus dem Gespräch mit?
Mara: Dass ich nicht morgens alles lösen muss. Der erste Schritt ist heute Abend. Tasche und Kleidung. Und wenn es morgens kippt, melde ich mich früher.
Herr Keller: Gut. Was ist dein erster Schritt heute?
Mara: Direkt nach Hause, Tasche packen, Kleidung rauslegen. Bevor ich mich hinsetze. Und den Zettel an die Tür: „Nur der nächste Schritt.“
Herr Keller: Dann testen wir das für fünf Arbeitstage und schauen am Freitag gemeinsam drauf.
Mara: Okay. Danke.
Herr Keller: Danke, dass du das mit der Angst ausgesprochen hast. Sonst hätten wir wahrscheinlich nur über Wecker und Checklisten geredet.
Nach dem Gespräch
Beobachtung: Mara nimmt ihre Unterlagen und verlässt das Büro. Auf dem Flur bleibt sie kurz stehen und atmet aus.
Ergänzung: Sie weiß nicht, ob morgen alles klappt. Aber sie weiß, was ihr erster Schritt heute Abend ist. Sie hat nicht das Gefühl, dass alles gelöst ist. Aber sie hat auch nicht das Gefühl, sich verstecken zu müssen.
Ergänzung: Sie nimmt sich nicht vor, weniger zu erzählen. Sie nimmt sich vor, den ersten Schritt zu testen.
Schlusssatz: Morgen früh wird nicht leicht. Aber es wirkt nicht mehr ganz so schwer.
Aufgabe im Breakout-Raum
Vergleicht Mara II mit Mara I. Findet drei Stellen, an denen Herr Keller dieselbe oder eine ähnliche Information bekommt wie in Mara I, aber anders reagiert.
Fixe Vergleichspunkte
- Morgenblockade
- Private Grenze
- Dienstag-Ausnahme
- Angst vor Bewertung
- Plan am Ende
Optional, wenn Zeit bleibt: Kundenterminliste / Delegation
Leitfragen
- Wo hört Herr Keller wirklich zu?
- Wo respektiert er private Grenzen?
- Wo wird Maras Motivation als Ressource genutzt?
- Wo wird eine Ausnahme gefunden?
- Wo wird aus der Ausnahme ein Plan?
- Wo bleibt Verantwortung bei Mara?
- Wo bleibt Herr Keller trotzdem klar?
- Welche Formulierung würdet ihr selbst übernehmen?